EssproblemeEssstörung

Essprobleme bei Erwachsenen: Essstörung oder doch nur eine Diät?

Essprobleme bei Erwachsenen

Wenn man nach Informationen, Selbsthilfegruppen oder Anlaufstellen für Menschen mit Essstörungen sucht, wird man als erwachsene Frau oft enttäuscht. Oftmals sind Angebote vor Ort für Jugendliche oder sehr junge Erwachsene konzipiert. Das ist schade, denn sehr viele Frauen über 30 Jahre, leiden unter ihrem Essverhalten, dem Wunsch dünn zu sein oder sehen sich damit konfrontiert, dass sie sehr viel Lebenszeit damit verbracht haben, Diät zu halten. Deshalb ist dieser Blogpost speziell für erwachsene Frauen mit Essproblemen konzipiert.

Machen Diäten Essprobleme bei Erwachsenen?

Fast 60 Prozent der Befragten einer Umfrage zum Thema Diätverhalten, gaben an im Jahr 2020 mindestens eine Diät ausprobiert zu haben . Diese Umfrage war repräsentativ. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Über die Hälfte der Deutschen haben allein im letzten Jahr mindestens eine Diät gemacht. Sicher, eine Diät macht noch keine Essstörung. Doch es zeigt ganz deutlich, wie groß die Sehnsucht der Menschen danach ist, dünner zu werden. Egal, wie viel sie zu dem Zeitpunkt wiegen. Und vor allem auch: Egal wie alt sie sind. Fragt man Betroffene einer Essstörung danach, wie sie selbst beurteilen würden, wann ihre Essstörung begonnen hat, antworten viele damit, mit wie viel Jahren sie ihre allererste Diät gemacht haben.

 

Diäten führen nicht zwangsläufig in eine Essstörung. Doch gerade für Menschen, die in einer psychischen Unsicherheit leben, Menschen, die sich nach Anerkennung sehnen und generell Menschen, die sich in einer vulnerablen Phase befinden, sind die Diätversprechen verlockend. Nicht selten bleibt es bei einer Diät. Und damit ist oftmals schon ein gestörtes Verhältnis zu Essen etabliert.

Statistiken zu Essstörungen

Die neuesten statistischen Zahlen zu Magersucht und Bulimie stammen aus dem Jahr 2018. In diesem Jahr wurde bei 7.218 Menschen die Diagnose Anorexia Nervosa gestellt. 65 Menschen sind an einer Essstörung im Jahr 2018 gestorben. Nach der repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland leiden 1,1 % der Frauen in Deutschland allein unter Magersucht. Das klingt wenig. Doch es sind 462.000 erwachsene Frauen. Jetzt in diesem Moment. Darin fehlen die noch all jene Frauen, die eine atypische Essstörung vorweisen, unter Bulimie, der Binge-Eating-Störung oder Orthorexie leiden.

Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen habe ich folgende Angabe gefunden: 11 Prozent der Frauen leiden unter einer nicht näher bestimmten Essstörung. Diese Zahl stammt aus einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2016 . 11 Prozent, das entspricht in Deutschland für über 9 Millionen Menschen. Stell dir mal diese Menschenmenge vor. 9 Millionen Menschen, die sich und ihren Körper einfach nur scheiße finden. 9 Millionen Menschen, die jeden Tag damit zu kämpfen haben, wer sie sind, was sie aus ihrem Leben machen sollen und wie sie ihre Gefühle taub stellen können. Neun Millionen Mal Essprobleme bei Erwachsenen.

Leider gibt es noch keine Statistiken zu Essstörungen aus den Corona-Jahren 2020 und 2021. Doch ich bin mir sicher, dass die Zahl derer, die sich in eine Behandlung auf Grund von Essproblemen begeben haben, sehr viel höher sein wird. Die Dunkelziffern ohnehin. 

Symptome einer Essstörung bei Erwachsenen

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob auch du eine Essstörung hast, ob auch du zu den 11 Prozent gehörst.

Zu den Symptomen einer Essstörung gehören:

– ständige Sorgen um Gewicht und Essen,
– Nahrungsverweigerung oder unkontrollierte Essanfälle,
– heimliches Essen,
– Panik vorm Zunehmen,
– Ablehnen des eigenen Körpers,
– hoher Leidensdruck

Die Diagnosen für Magersucht, Bulimie und die Binge-Eating-Störung unterscheiden sich dabei natürlich. Wenn das im Moment für dich wichtig ist, kannst du dir die einzelnen Diagnosekriterien hier anschauen: 

Anorexia nervosa

Bulimia Nervosa

Binge-Eating-Störung

Für Orthorexie, das zwanghafte Ernähren allein über vermeintlich gesunde (auch cleane) Lebensmittel, gibt es noch keine Diagnosekriterien, weil es dieses Krankheitsbild noch nicht offiziell in den ICD-10 geschafft hat. Jedoch sind sich die Beratungsstellen, die ich kenne, durchaus bewusst über diese Form von gestörtem Essverhalten.

Worauf ich hier unbedingt hinweisen will, ist, dass es natürlich Diagnosekriterien geben muss, um Betroffenen die möglichst beste Behandlung zukommen zu lassen. Doch auch wenn du nicht alle Kriterien einer Essstörung erfüllst oder dich dein gestörtes Essverhalten quält, ohne, dass du sämtliche Essstörungs-Symptome kennst, solltest du dir bei Essproblemen Hilfe und Unterstützung suchen. Zu schnell kann sich aus einem Diätzwang ein langwieriges psychisches Leiden entwickeln. 

Atypische Essstörung

Problematisch ist auch, dass Menschen mit atypischen Essstörungen oft nicht erfasst und damit auch nicht gesehen werden. Atypisch bedeutet nichts anderes, als das ein Mensch nicht alle Diagnosekriterien einer Erkrankung erfüllt. Das kann beispielsweise die Häufigkeit eines bestimmten Verhaltens sein oder eine BMI-Angabe. Trotzdem ist der Leidendruck und die Gesundheitsgefährdung genauso gegeben, wie bei einem Menschen hinter den man alle Diagnosehäkchen machen kann. Bitte scheue dich nicht, dir Hilfe zu suchen.

Essprobleme? Aber jede Frau fühlt sich doch mal zu dick!

Tatsächlich wünschen sich sehr viele Frauen, dünner zu sein oder „wären wirklich froh, wenn ich etwas abnehmen könnte“. Das fand auch eine Befragung die von 2016 bis 2020 durchgeführt wurde heraus. 

Doch nur weil es viele tun, heißt das noch lange nicht, dass es „normal“ ist oder gar ungefährlich. Frage dich bitte selbst, woher dein Wunsch dünner zu sein kommt. Gibt es eine tatsächliche gesundheitliche Dringlichkeit oder stecken Selbstwertprobleme, der Wunsch nach Zugehörigkeit und dein Mangel an Selbstliebe dahinter. Seit wann kennst du diesen Wunsch danach, dünn zu sein oder unbedingt bleiben zu müssen? Und wie viel Lebensqualität opferst du ihm?

Wo hören Essprobleme bei Erwachsenen auf und wo fängt eine Essstörung an?

Man könnte auf diese Frage jetzt mit den Diagnosekriterien antworten. Und das hätte seine Berechtigung. Wenn wir den Begriff weiterfassen und uns hinorientieren zu einem guten gesundheitlichen Zustand – physisch wie psychisch, würde ich sagen, dass ein gestörtes Essverhalten und ein psychischer Leidensdruck in Bezug auf Essen da anfängt, wo Betroffene beginnen ihr eigenes psychisches Wohlbefinden und ihr Essverhalten zu verknüpfen. Meines Erachtens sollte man hier schon beginnen, Ursachen zu erkennen und Lösungswege zu suchen, um einem schlimmen Leiden vorzubeugen. 

Test: Habe ich eine Essstörung

Diese Fragen können dir Hinweise darauf geben, ob du ein gestörtes Verhältnis zu Essen hast, egal ob du sämtliche Diagnose-Kriterien erfüllst oder nicht:

  • Überlegst du ständig, was du als nächstes (nicht) isst?
  • Machst du dir viele Gedanken und Sorgen, um dein Aussehen?
  • Ist es dir wichtig, ein bestimmtes Gewicht nicht zu überschreiten?
  • Wiegst du dich häufig und regelmäßig?
  • Machen dir Verabredungen, bei denen auch gegessen wird, Angst oder Sorgen?
  • Übergibst du dich absichtlich?
  • Nimmst du Abführmittel, Diätshakes oder andere freiverkäufliche Abnehmmittel ein?

Solltest du nur eine der Fragen mit Ja beantworten, kannst du hier einen ausführlicheren Test machen.

Was löst eine Essstörung aus?

Auslöser für eine Essstörung können viele unterschiedliche Faktoren sein. Erforscht ist unter anderem, dass es sogar eine genetische Veranlagung für die Entwicklung einer Essstörung gibt. Nichtdestotrotz sind oftmals Erfahrungen in der frühen Kindheit, traumatische Erlebnisse generell und einschneidende psychische Belastungen oder andauernde Erfahrungen von psychischer Gewalt und Überforderung mitauslösende Faktoren einer Essstörung. Für die Genesung ist es wichtig, sich selbst gut kennenzulernen, vergangene Erfahrungen, die extrem belastend waren, zu erkennen und zu verarbeiten und sich im Hier und Jetzt damit als erwachsene Frau positionieren zu können. Für mich selbst geht es vielmehr um die Integration bestimmter Erlebnisse in meine „Lebenslinie“ anstatt darum, sie „wegzumachen“.

Wer oder was ist schuld an Essstörungen?

Wie im oberen Abschnitt schon angerissen. Es gibt soziale und biologische Auslöser für Essstörungen. Von Schuld zu sprechen, finde ich gefährlich und unangemessen. Ich denke, es ist niemals so, dass eine bestimmte Person oder Gruppe Schuld daran ist, dass jemand eine Essstörung entwickelt.
Dennoch kann man viel dafür tun, um psychischen Erkrankungen in der Familie vorzubeugen, gerade wenn in der Familie psychische Erkrankungen gehäuft vorkommen.

 Dazu gehören:

– offener Umgang mit Gefühlen

– alle Gefühle wertzuschätzen

– offene Gesprächs- und Streitkultur

– Gewaltfreiheit – physische wie psychische

– gemeinsame Esskultur in der Familie

– Probleme wohlwollend und wertschätzend ansprechen

Kann man seine Essstörung selbst behandeln?

Es ist immer möglich an sich selbst und seiner persönlichen Weiterentwicklung zu arbeiten. Erwachsene, die nun aber nicht „nur“ Essprobleme haben, sondern sehr tief in der Symptomatik stecken – restriktives Essen, Essanfälle, Übergeben, etc. – sollten sich zunächst sicher Unterstützung von außen suchen, zum Beispiel durch eine Psychotherapie und einer medizinischen Begleitung. Allein schon um auch körperliche Schäden abzuwenden. 

Meine ganz persönliche Geschichte der Heilung hat mit einem extrem hohen Leidensdruck begonnen. Damit, dass mich meine Essstörungs-Symptomatik depressiv gemacht hat, damit dass ich mich selbst nicht kannte. Ich hatte das Gefühl, keinen einzigen Tag mehr so auszuhalten. 

So dass ich mich zunächst zu einer ambulanten Psychotherapie angelmeldet habe, um dann in eine psychosomatische Klinik zu gehen, in der ich auch medizinisch versorgt wurde. Erst danach war ich in der Lage, mich alleine mit mir und meinen Essproblemen selbst so auseinanderzusetzen, dass es mit guttat. Aber auch in dieser Zeit war ich nicht gänzlich alleine. So habe ich zunächst einige Monate Coaching in Anspruch genommen und wieder einige Jahre später Systemische Beratung. Von deren Wirkungsweise war ich übrigens so begeistert, dass ich selbst eine Ausbildung zur Systemischen Beraterin gemacht habe und heute selbst in Ausbildung zur Systemischen Paar- Einzel- und Familien-Therapeutin bin. 

Keine Angst, das hört sich sehr viel an. Und ja, ich habe viele Jahre mit therapeutischer Begleitung gebraucht, doch allein meine Symptomatik wurde schnell besser. Jedoch nur durch meinen Willen und meine Energie, die ich in mich selbst investiert habe, konnte ich von der Essstörung genesen. Wie sagen meine Ausbilderinnen immer: Die Arbeit passiert zwischen den Sitzungen. 

Das wiederum bedeutet nun aber auch nicht, dass ich gar keine Issues mehr hätte 😀 Bis heute arbeite ich immer wieder an meinen ganz persönlichen Themen, die sich mit den Jahren verändern und verschieben, kommen und gehen. Das nennt sich Leben. Und es ist meine Art, mich mit dem Wunsch auseinanderzusetzen, heilen zu dürfen. 

Anlaufstellen für erwachsene Frauen mit Essproblemen: