Warum ich? Welche Fragen du dir mit Essstörung wirklich stellen solltest


Warum ich? Hast du dir diese Frage heute schon gestellt? Wenn du aktuell mit einer Essstörung kämpfst, wenn du Magersucht, Bulimie, Binge-Eating oder Orthorexie hast, wirst du dir diese Frage wahrscheinlich sehr oft stellen. Warum ich?! Warum habe ich diese Krankheit? Und warum muss ich jetzt mit dieser Scheiße leben?

Essstörung

Essstörung als Bestrafung sehen

Das Beschissenste vorweg: Es gibt dafür keine befriedigende Antwort. Es bringt also genau nichts, sich diese Frage immer wieder zu stellen. Es gibt keinen Plan. Es gibt keine höhere Macht, die dir auferlegt hat, diese Krankheit zu durchleiden. Du wurdest und du wirst von keiner höheren Macht bestraft. 

Viele Menschen, die eine Essstörung haben, haben das Gefühl bestraft zu sein, und diese Bestrafung auch zu verdienen. Weil sie schlechte Menschen sind, weil sie unzulänglich sind, weil sie nicht perfekt sind. Vergiss das bitte. Am besten sofort. Streich das. Das ist Bullshit!

Ich weiß, dass ist mega schwer. Aber bitte probiere Folgendes aus: Jedes Mal, wenn die Frage „Warum ich?!“ in deinem Kopf Kreise zieht, antworte dir selbst: „Diese Frage ist keine sinnvolle Frage. Ich bin nicht bestraft. Ich werde nicht bestraft. Es ist okay, wie es ist.“

Wenn du dir unsicher bist, ob du eine Essstörung hast, kann ich dir diesen kurzen Artikel empfehlen: Essstörung erkennen und verstehen.

Essstörungen auf den Grund gehen: Stelle dir bessere Fragen

Vielleicht schaffst du es ja sogar irgendwann, eine andere Frage in den Vordergrund zu stellen. Denn das Gute an dieser ganzen nach innen gerichteten Fragerei, die Menschen mit Essstörung permanent erleben, ist: Es gibt sehr wohl sinnvolle Fragen, die es wert sind, dass du sie dir stellst. Und vor allem: Sie sind es wert, dass du dich auf den Weg machst, Antworten auf sie zu finden.

Hier 6 Fragen, die du dir als Betroffene*r einer Essstörung stellen kannst und die dich weiterbringen:

1. Welche Entscheidungen nimmt mir meine Essstörung gerade ab?

Eine Essstörung hat immer eine Funktion. Sie ist nicht dafür da, dir das Leben zur Hölle zu machen, sondern eigentlich um dich zu schützen – vor unangenehmen Gefühlen und Erfahrungen. Das klingt jetzt erst einmal wie der blanke Hohn, ich weiß. Aber stelle einmal folgende Überlegung an: Es geht darum, ob du mit deinen Freundinnen ins Kino gehst oder nicht. Kino bedeutet: Sitzen, vielleicht einen Sekt trinken, ein Eis essen, nach dem Film noch gemeinsam essen gehen, sich mitteilen, am Gespräch teilnehmen, etwas von dir erzählen, den anderen zuhören, dich vielleicht mit ihnen zu vergleichen, die Angst davor schlecht abzuschneiden, die Angst, nichts erzählen zu können, die Angst, dich für irgendetwas schämen zu müssen. Die Essstörung sagt aber: Kino geht nicht. Heute ist Sport. Verstehst du, was ich meine? Ist es nicht so, dass deine Essstörung aktuell viele Entscheidungen in deinem Leben fällt?

Einen Test um eine erste Einschätzung zu bekommen, ob dein Essverhalten auf eine Essstörung hinweist, findest du bei ANAD: Teste dein Essverhalten.

2. Was ist mir durch die Essstörung erspart geblieben?

Auch diese Frage klingt erst einmal sehr seltsam in Bezug auf diese psychische Erkrankung. Denn als Betroffene*r einer Essstörung hast du schon immens gelitten, hast Schmerzen, die sich kein Mensch vorstellen kann, hast inneren Druck, dass du glaubst zu zerbersten. Du hast schon so viel durch. Die Sache ist: Dafür, dass du so viel an deiner Magersucht, an deiner Bulimie, an deiner Fresssucht, an deinem Kontrollwahn gelitten hast, sind dir andere Dinge gar nicht möglich gewesen. Vielleicht musstest du nicht zuhause ausziehen. Vielleicht musstest du dich nicht für einen Beruf entscheiden. Vielleicht musstest du noch nicht entscheiden, ob du mit deinem Partner*in ein Kind möchtest. Vielleicht musstest du dich nicht für oder gegen einen Partner entschieden. Vielleicht hat dir deine Essstörung ermöglicht, dich als Teil einer bestimmten Gruppe zu fühlen. Vielleicht hat deine Essstörung dir Kraft gegeben. Dir gezeigt, dass du Durchhalten kannst. Dass du irgendwie auch stark bist?!

3. Wovor hat mich meine Essstörung als Kind, als Jugendliche beschützt?

Eine Essstörung kann auch wie ein Kokon sein. Wie eine Raupe bist du fest in deine Essstörung eingewickelt. Nichts kommt von außen an dich ran. Und nichts dringt von dir in die Außenwelt. Niemand kann dich berühren. Wovor also hat dich dein Kokon vielleicht in deiner Kindheit beschützt? Was oder wer musste unbedingt draußen bleiben? Hör mal in dich rein. 

4. Wovor schützt mich meine Essstörung heute?

Und wenn du dir in deiner Vergangenheit einen solchen Schutzraum mit deiner Essstörung bauen musstest, weil du wahrscheinlich in einer echten Notlage warst, dann ist es nicht ungewöhnlich, dass du dich auch viele Jahre später überhaupt nicht mehr traust, diesen Kokon zu verlassen. Denn du hast keine Erfahrungen machen dürfen, die dir bewiesen hätten, dass es da draußen nicht nur Gefahren gibt. Du musstest dich schützen und jetzt bist du gefangen. Du hast schlicht nicht gelernt, wie man da wieder rausschlüpft. Oder gibt es aktuell eine Notlage, vor der du dich wirklich schützen musst? Schau hin!

5. Wer bin ich, wenn ich keine Essstörung habe?

Mit diesem Test von in-cogito.de kannst du prüfen, wie du zu deinem Körper stehst und ob dein Verhältnis zu ihm auf eine Essstörung hindeutet: Teste, ob du eine Essstörung haben könntest. 

Diese Fragen gehören schon zu den Masterfragen, wenn es darum geht eine Essstörung gehen zu lassen. Nicht nur Menschen mit Essstörungen stellen sich immer wieder Fragen nach ihrer wahren Persönlichkeit. Fast jeder Mensch erlebt in seinem Leben Phasen der Orientierung. Die Sache ist: Du bist nicht nur, sagen wir, ein Grübel-Typ. Das wäre dann ein Anteil deiner Persönlichkeit. Du hast viele Persönlichkeitsanteile, Eigenschaften und Vorlieben. Die Frage ist: Kennst du sie und kannst du sie zulassen? Oftmals haben Betroffene von Essstörung keinen Zugang zu ihren verschiedenen Persönlichkeitsanteilen, oder wollen sie mehr oder weniger bewusst verdecken. Sie halten ihre Gutmütigkeit für Schwäche, sie halten ihre Wut für unzumutbar, sie halten ihre Vorliebe für Tiere für zu süß. Und das Schlimme dabei ist, dass du niemals befreit leben können wirst, wenn du deine verschiedenen Persönlichkeitsanteile mit einer Essstörung deckelst. Denn du wirst ständig damit beschäftigt sein, eine Rolle zu spielen, eine Maske aufrecht zu erhalten. Und daraus resultiert dann zwanghaftes und restriktives Ess(Verhalten).

6. Was bleibt, wenn ich die Essstörung wirklich loslasse?

Ich glaube, dass das die angsteinflößendste Frage von allen ist, wenn man sich als Essgestörte*r überlegt, seine einzig wahre Freundin gehen zu lassen. Denn ja, eine Essstörung trifft Entscheidungen. Eine Essstörung beschützt. Eine Essstörung schirmt ab. Eine Essstörung ist immer da.

Ich war all die Jahre der festen Überzeugung, dass meine Essstörung dafür verantwortlich ist, dass ich tough bin, dass ich durchziehe, dass ich in der Lage bin, Geld zu verdienen. Ich war hart im Nehmen. Ich konnte leisten. Viel leisten. 

Und wenn ich die Essstörung ziehen lasse? Ich glaubte, ich sei dann schwach, nicht mehr leitungsfähig. Ich war überzeugt, dass ich in die Armut abdriften würde, weil ich keinen Antrieb mehr hätte. Tatsächlich waren diese Überzeugung im Ansatz nicht komplett falsch, aber eben auch nicht vollkommen zutreffend. Für mich heißt das heute, dass ich irgendwann schon eine Ahnung hatte, was das alles für mich bedeuten würde – ein Leben ohne Essstörung. Kein Wunder also, dass im Prozess des Loslassens die Ängste auch später noch einmal richtig hochkochen. Kein Wunder, dass es Rückschläge gibt. Keine Wunder, dass man auch immer wieder ans Aufgeben denkt.

Was der Prozess des Loslassens einer Essstörung bedeutet

Ich bin heute noch immer hart im Nehmen und leistungsfähig dazu. Ich mache meine eigene berufliche Karriere ohne Arbeitgeber. Ich habe mich vor drei Jahren selbstständig gemacht. Ich bin nicht arm. Dennoch habe ich zunächst meinen alten Job gekündigt und hatte einige Monate sehr viel weniger Geld. Ich habe ein anderes Verhältnis zu Geld und Konsum entwickelt. Ich kaufe sehr viel weniger. Ich komme mit weniger Geld aus. Ich gebe mein Geld für andere Dinge aus. Hätte mir das jemand mitten in der Essstörung gesagt: Ich hätte dankend abgewunken und hätte genauso weitergemacht. 

Du siehst: Raus aus der Angst, ist durch die Angst. Es gilt herauszufinden, warum du dich so sehr vor einem Zustand, einer Möglichkeit fürchtest. Warum willst du da nicht hin? Und warum solltest du da aber vielleicht hin?

Schreib mir bitte, wie es dir mit diesem Text geht. Und was er vielleicht in dir aufwühlt!?

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