9 Anzeichen für essgestörtes Verhalten – und was du jetzt beachten solltest

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich zunehmend mit Intuitiver Ernährung. Schon seit einigen Jahren kreise ich immer wieder um das Thema. Einen Kurs dazu hatte ich im letzten Jahr gebucht, der musste dann leider ausfallen, weil sich nicht genug Menschen dafür angemeldet haben. Jetzt bin ich erneut auf Intuitive Eating aufmerksam geworden – und damit auch auf das Thema essgestörte Verhaltensweisen. Ich finde das deshalb so wichtig, weil gestörtes Essverhalten ein Einstieg in eine Essstörung sein kann und auch, weil das so verdammt häufig vorkommt.

gestörtes Essverhalten

Nicht ganz unschuldig an meinem Intuitiv-Eating-Revival ist Dr. Antonie Post und zwar durch ihren tollen Podcast “Iss doch, was du willst”. Angeregt durch einige Folgen, in denen es um Health at Every Size, Fettphobie, Angst vor dem Zunehmen und Diet-Talk ging, habe ich mir das Buch “Intuitive Eating” von Evelyn Tribole und Elyse Resch gekauft. Die ersten Kapitel des Buches haben mich dann auf das Thema gestörtes Essverhalten regelrecht drauf geworfen.

Gestörtes Essverhalten bedeutet nicht gleich essgestört

 

Es ist nämlich so, dass ein gestörtes Essverhalten nicht unbedingt einer Essstörung gleicht. Menschen mit Essstörungen aber immer auch ein gestörtes Essverhalten aufweisen. Die liebe Mounia von mias-anker.com erklärt den Unterschied zwischen essgestörtem Verhalten und gestörtem Essverhalten in einem kurzen Blogpost.

Ich finde das Thema deshalb so wichtig, weil essgestörte Verhaltensweisen natürlich auch immer ein Einstieg in eine Essstörung sein können, sozusagen eine Vorstufe – und dass wir deshalb auch in unserem Umfeld aufmerksam sein sollten: Macht eine Freundin neuerdings eine Diät? Redet der Freund nur noch über seinen Körper? Meidet deine Schwester auf einmal bestimmte Lebensmittel? Denn ein gestörtes Essverhalten lässt sich sicher einfacher behandeln und ist vor allem einfacher wieder abzulegen, als eine jahrelang eingenistete Essstörung.

9 Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten

 

Ich habe euch hier 9 Verhaltensweisen aufgelistet, die unter gestörtes Essverhalten zählen. Sicher gibt es noch mehr und sicher würde manche Expertin* den ein oder anderen Punkt hier auch nicht aufzählen. In verschiedenen Studien jedoch wurden mittels dieser Punkte Studienteilnehmer mit gestörten Essverhaltensweisen kategorisiert.

Das schockierende daran finde ich, dass ich viel mehr Menschen kenne, auf die mindestens einer dieser Punkte zutrifft, als Menschen, auf die keiner dieser Punkte zutrifft.

Welche Punkte treffen auf dich zu?

1. Ständige Sorge zuzunehmen

Die ständige Sorge darum, zunehmen zu können, gehört definitiv zu Ängsten, die nicht als normal gelten. Gerade im Urlaub sorgen sich viele Menschen ständig um die Zahl auf der Waage, wenn sie dann wieder zuhause sind. Es ist so schade, dass man kein Stück Kuchen, kein 3-Gänge-Menü, kein Glas Wein einfach mal genießen kann. Sondern immer im Hinterkopf hat, dass man dann bestimmt zunimmt. Man könnte jetzt auch Fragen: Ja und dann? Passiert doch nix? Für Menschen, die ernsthaft Angst haben zuzunehmen aber schon. Sie selbst finden sich dann weniger attraktiv – und manchmal auch weniger wertvoll. Und das wirkt sich gravierend auf den Selbstwert aus. Schon hier könnte eine Selbstabwertungspirale beginnen. Sollte das bei dir der Fall sein, bitte ich dich, ganz ehrlich und ernsthaft zu ergründen, welche Glaubenssätze und Annahmen hinter deiner Gewichtsangst stecken. Solltest du das alleine nicht bewältigen können, kannst du dir jederzeit professionelle Hilfe suchen. Erste Anlaufstellen könnten Beispielsweise eine Peer-Beratung, ein Erstgespräch bei einer* Psychologin* oder auch einfach nur ein Besuch bei deiner* Hausärztin* sein.

2. Wiegen beeinflusst Stimmung

Sehr sehr viele Menschen haben zuhause in ihrem Badezimmer eine Personenwaage stehen. Meistens zeigt sie nicht nur das Gewicht an, sondern auch den Körperfettanteil und auch den Muskelanteil. Manche Menschen wiegen sich einfach als Teil ihrer Morgenroutine. Das kann man machen, wenn man möchte. Wozu ist mir aber schleierhaft. Bedenklich wird es dann, wenn das Gewicht oder eine andere Kennzahl, die die Waage ausspuckt, deine aktuelle Laune trübt ober hebt. Sobald die Zahl auf der Waage ein Stimmungsindikator für deinen Tag ist, ist das leider schon mentally ungesund. Denn somit gibst du deinem Körpergewicht die Macht darüber, ob dein Tag gut wird oder nicht. Und das meist, wegen ein paar Hundertgramm. Kein Mensch nimmt ja von heute auf morgen fünf Kilo zu oder ab. Und bist du dann ein besserer oder schlechterer Mensch, weil du an diesem morgen 200 Gramm mehr oder weniger wiegst als am Tag zuvor? Tatsächlich nehmen es viele nicht bewusst so wahr, lassen aber unbewusst diesen Stimmungsbarometer Waage in ihr Leben einziehen. 

Ich habe seit vielen Jahre keine Waage mehr im Haus, schlicht weil es mir in meiner Essstörungsgenesung immer wieder ein Hindernis war. Ich konnte dem Wiegen nicht widerstehen. Zu viele Jahre gehörte das zu meinem Leben, so viele Jahre haben Abnehmen, Zunehmen und eine bestimmte Zahl immens beeinflusst, was ich von mir selbst gehalten habe. Wenn es bei dir Tendenzen dahingehend gibt oder vielleicht schon so ist, bitte schmeiß sie einfach weg. Dein Körpergewicht sagt nichts über dich aus – nicht mal darüber ob du gesund bist oder nicht, auch wenn das heute immer noch viele Menschen und Ärzte (!) annehmen. Ich spreche jetzt natürlich nicht von extremen BMI-Werten.

Wenn du aktuell schwanger bist und dir das regelmäßige Wiegen zu schaffen macht, möchte ich dir diesen Blogpost von mir empfehlen: Schwanger mit Essstörung.

3. Aussortieren bestimmter Lebensmittel 

Heutzutage gibt es sehr viele Möglichkeiten Lebensmittelunverträglichkeiten zu diagnostizieren. Und Gott sei Dank auch, trotz Lebensmittelunverträglichkeiten oder sogar Allergien, genussvoll einkaufen und essen zu können. Viele Hersteller haben sich auf sogenannte frei-von-Produkten spezialisiert. In den letzten zehn Jahren ist für mich gefühlt eine Verzichtshysterie entstanden: Auf einmal verzichteten Menschen auf glutenhaltige, laktosehaltige oder histaminhaltige Lebensmittelgruppen, obwohl das aus gesundheitlicher Sicht überhaupt nicht notwendig ist. Warum? Weil wir ständig dem Marketing der Diätkultur ausgesetzt sind und uns aus verschiedensten Richtungen – von der Verpackungsgestaltung bis zum Gespräch mit der Kollegin – glaubhaft gemacht wird, dass eine frei-von-Diät gesünder wäre. Jetzt frage ich dich: Inwiefern gesünder? Warum sollte ein Brot ohne Gluten für einen Menschen ohne Glutenintoleranz besser sein? Wir sind so heftig darauf fixiert, immer noch gesünder zu essen, dass wir völlig aus den Augen verlieren, was gesund für jeden einzelnen eigentlich bedeutet. 

Ein bewusst herbeigeführter Verzicht von bestimmten Lebensmitteln oder ganzen Lebensmittelgruppen bringt dich immer in eine Diätmentalität und bedeutet das komplette Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmtheit. Frage dich mal, wie es dir damit geht.

4. Sport und anderes, um Kalorienaufnahme zu kontrollieren

Mein vierter Punkt: Kompensation. Oft höre ich, dass Menschen am Tisch sowas sagen wie: „Boah, nach diesem Essen muss ich jetzt aber noch zweimal Joggen gehen diese Woche“ Ihr könnt da beliebige Sportarten einsetzen. Und das ist die harmlose Variante. Menschen mit Essstörungen wissen meist ganz genau, wie viele Kalorien sie aufgenommen haben und was sie an diesem Tag noch leisten müssen, um eine bestimmte Kalorienbilanz zu erreichen. Wo die einen es vielleicht gar nicht so ernst meinen, drückt es doch etwas aus, was so viele Menschen in sich tragen: Essen muss man sich verdienen: mit Leistung, mit Sport, mit Willen … Es gibt massig Tabellen und Apps, in denen penibel aufgelistet ist, wie lange man beispielswiese Joggen muss, um ein Brot mit Schokocreme zu kompensieren. Und das ist krank. Ein kranker Auswuchs unserer gesundheitsfanatischen Gesellschaft. Menschen mit Essstörungen greifen dann noch zu ganz anderen Mitteln: Entwässerungstabletten, Erbrechen, Nulldiäten.

Eine Sache möchte ich dazu noch unbedingt loswerden: Bitte spart euch am Tisch solche Kompensationsideen. Während sowas für Menschen mit Essstörungen einfach nur destruktiv werden kann, ist es auch für alle anderen, die gerade lecker gegessen haben, schlicht ein Downer. Und dann: Was steckt hinter deinen Kompensationsbestrebungen? Warum musst du dir Essen verdienen oder sogar wieder loswerden?

5. Diät halten

Ganz klassisch: Die Diät. Wer von euch hat noch nie Diät gehalten? Ich kenne, glaube ich, mehr Menschen, die andauernd irgendeine Art von Verzicht leben, als nicht. Ich bin keine Ernährungswissenschaftlerin. Dennoch weiß ich aus ausgewerteten Studien, dass Diäten nicht nur für das mentale Wohlbefinden schädlich sind, sondern insgesamt sogar am Ende dicker machen als keine Diät zu halten. Natürlich gibt es Unterschiede – von Mensch zu Mensch. Trotzdem ist nachgewiesen, dass an sich gesunde Menschen, ganz unabhängig von ihrem Körpergewicht, Monate nach einer Diät mehr wiegen aus zuvor. Außerdem verschieben Diäten die persönliche Setpoint-Range nach oben. Das heißt, dein Körper fühlt sich nach einer Diät in einem höheren Gewichtsbereich heimisch als vor der Diät. Weil er dich schützen will und sich auf die nächste Hungerepisode vorbereiten muss. Also: Diäthalten gehört zu einem gestörten Essverhalten und bewirkt genau das Gegenteil von dem, was Menschen erreichen wollen. 

Mehr zu den Mechanismen von Diäten und wie dein Körper darauf reagiert findest du bei der Ernährungswissenschaftlerin Dr. Antonie Post.

Solltest du eine Essstörung haben und jetzt Angst haben, dass du auf jeden Fall sehr dick wirst, wenn du deine Essstörung gehen lässt, dann lass dir gesagt sein, dass das auf keinen Fall so sein muss. Niemand weiß vorher, wo dein Setpoint ist. Viele von Essstörungen genesene Menschen haben einfach ein völlig normales Gewicht.

6. Verzicht auf soziale Kontakte, um Nahrungsaufnahme / Getränke zu meiden

Du hast eine Essstörung und fragst dich immer wieder: Warum ich? Lies dir bitte diesen Blogpost von mir durch: Warum ich? Welche Fragen du dir mit Essstörung wirklich stellen solltest

Dieser sechste Punkt gehört für mich persönlich schon zu den krasseren Verhaltensweisen, die sehr stark Richtung Essstörung weisen. Denn der Verzicht auf wichtige soziale Kontakte, nur um einer Nahrungsaufnahme zu entgehen oder in keine Erklärungsnot zu kommen, weil man beispielsweise keinen Alkohol trinken will (viele Kalorien), bedeutet eine starke Einschränkung der Lebensqualität. Außerdem stellt dieses Verhalten das Körpergewicht und den Verzicht über deine persönlichen Bedürfnisse. Bitte suche dir direkt Hilfe, wenn du dieses Verhalten bei dir bemerkst.

7. Sich selbst zu dick finden, auch wenn es dafür keinen Anlass gibt

Laut BMI hast du Normalgewicht (*der BMI alleine hat keine Aussagekraft über deine Gesundheit), dein Umfeld findet, dass du schlank bist, und trotzdem findest du dich selbst zu dick. Zum einen könnte es sein, dass du ein sehr dünnes Körperideal hast, was nun wirklich Geschmackssache ist. Zum anderen könnte es aber auch sein, dass du unter einer Körperschemastörung leidest. Das würde schon deutlich auf eine Anorexie hinweisen. Bitte überprüfe dich selbst und suche dir sofort Hilfe. Für beide Situationen gilt: Dünn sein hat für dich einen sehr hohen Stellenwert in deinem Leben. Vielleicht nimmt dir dieser Wunsch sogar den Platz für wirklich besondere Momente? 

  • Alle feiern ausgelassen, nur du machst dir Sorgen darüber, ob du in deinem Kleid fett aussiehst. 
  • Deine Kinder lieben die Geburtstagstorte und du isst nicht mit, aus Sorge dick zu werden. 
  • Dein Freudinnen gehen zum Pool. Nur du bleibst zurück, weil du dich für deinen Körper schämst. 

Wenn das so ist: Bitte unternimm etwas und such dir Hilfe. Gerne kannst du mir per Mail (hallo(at)einfachnora.de) oder auf Instagram und Facebook schreiben.

8. Du isst lieber alleine

Zum Essen ziehst du dich lieber zurück. Vielleicht schaust du dabei auch irgendwas im Fernsehen an oder streamst dich durch Netflix? Essensverabredungen sind nicht so deins? Das muss jetzt überhaupt nichts heißen und ist auch total in Ordnung. Auch hier ist es wichtig, dass du ehrlich zu dir bist: Willst du alleine sein, weil es dir unangenehm ist, wenn dir jemand beim Essen zuschaut? Willst du beim Essen alleine sein, damit dich niemand kontrollieren oder bewerten kann? Schaust du während des Essens fern, damit du abgelenkt bist? Willst du nicht woanders essen, damit du die volle Kontrolle über das Essen hast? Ja? Dann deutet das sehr stark auf ein gestörtes Essverhalten. Am besten du beobachtest dich selbst ein paar Tage genauer und probierst auch mal neue Essenssituationen aus. Bleibts bei den unangenehmen Gefühlen, solltest du auch hier mal mit jemanden sprechen.

9. Heißhunger oder Appetitlosigkeit

Mein letzter Punkt zum Thema essgestörte Verhaltensweisen: Ganz viele Menschen kennen das, dass sie mal eine Phase haben, in der sie ständig Lust auf Schokolade haben oder auch auf ein bestimmtes anderes Geschmackserlebnis. Wir alle haben Phasen und damit auch bestimmte Essensvorlieben. Genau hinschauen solltest du aber, wenn du häufiger richtigen Heißhunger und eventuell Essanfälle hast. Oder auch bei anderen Extrem: Überhaupt keinen Appetit auf irgendetwas hast. Veränderungen im Essverhalten oder Extreme im Essverhalten deuten oft auf seelische Dysbalancen hin und gehören zu gestörtem Essverhalten, welches du nicht alleine in den Griff bekommen musst.

Hier kannst du einen ersten Test mache und prüfen, ob du eventuell eine Essstörung hast: Habe ich eine Essstörung?

 

Schreib mir bitte, wie es dir mit diesem Text geht. Und was er vielleicht in dir aufwühlt!?

Ich freue mich, wenn du diesen Beitrag mit anderen teilst.