Rückfall als Chance – Wie du dich aus der Essstörung herausforschst


Jede*, die sich auf die Genesungsreise aus der Essstörung einlässt, kennt die Angst vor Rückfällen und die Sorge, dass sie einfach niemals aufhören. Keiner kann wissen, wie lange unser Körper, aber vor allem auch unser Geist braucht, um wirklich vollständig zu genesen. Dennoch wird ein Rückfall in eine Magersucht, Bulimie oder sonstige Essstörung meist verteufelt. Kommen sie vor, ist die Scham groß. Doch wir können so viel aus ihnen lernen und an ihnen wachsen.

Rückfall nach Essstörung

Was triggert einen Rückfall in eine Essstörung?

 

Ganz vielen Menschen passiert es: Sie haben eine Essstörung oder gestörtes Essverhalten für längere Zeit erfolgreich überwunden und dann kommt Tag X: eine Mahlzeit wird wieder bewusst ausgelassen, ein Essanfall, Übergeben, selbstverletzendes Verhalten. Je nachdem, wie das destruktive, oft kompensatorische, Verhalten in der Essstörung ausgesehen hat. Aber warum? Warum fallen wir „zurück“?

Nun ja, eine Essstörung überwinden bedeutet zwar definitiv, das destruktive Verhalten aufzugeben und eventuell auch zunächst Ersatzhandlungen zu etablieren. Vor allem bedeutet aber eine wirklich ganzheitliche Genesung, sich seiner bewusst werden. Und zwar mit allem, was zu einem selbst gehört. Denn nur, wenn ich mir meiner Gedanken, Gefühle und Handlungen zu jeder Zeit bewusst bin, kann ich verstehen, warum ich etwas tue, kann ich Neues lernen, kann ich Altes loslassen. 

Um herauszufinden, welche Fragen dir dabei helfen können, dich deiner bewusst zu werden, möchte ich dir diesen Blogpost von mir empfehlen: Warum ich? Welche Fragen du dir mit Essstörung wirklich stellen solltest.

Wenn ich nun aber nur dafür sorge, dass ich wieder regelmäßig esse, lieber spazieren gehe statt erbreche, besser auf ein Kissen einschlage als auf mich selbst, dann ist das ein guter erster Schritt. Aber ich muss auch lernen, warum ich nicht regelmäßig esse, warum ich erbreche und warum ich den Drang habe, mich schlecht zu behandeln. 

Ich möchte damit sagen, dass man als Mensch mit Essstörung sein komplettes Sein auf den Prüfstand stellen muss – und ja, eine Genesung kann dann auch mal lebensverändert sein. Muss es ja auch, oder? Sonst würde der ganze Teufelskreis ja einfach weiterlaufen. 

Du kannst nicht genesen wollen, aber ein bestimmtes Gewicht halten wollen. Du kannst nicht genesen wollen, aber deine Gedanken nicht hinterfragen wollen. Du kannst nicht genesen wollen, aber den selben Hass leben wollen.

Ich weiß nicht, wie deine Essstörung im Moment aussieht. Aber folgende mehr oder weniger unbewusst durchgeführte Handlungen und Ereignisse, können einen letztlich Rückfall auslösen:

Wiegen

Viele* “pflegen” in der Essstörung ein regelrechtes Wiegeritual. Das ist okay. Alles ist okay. Nur denke ich, dass es schwierig wird, vollständig zu genesen, wenn ich dabei bleibe, die Kontrolle über mein Gewicht behalten zu wollen.

Streit

Schwierige Beziehungskonstellationen, Disharmonien in einer Beziehung, Missverständnisse – all das sind sehr starke Trigger für Menschen mit Essstörungen. Klar, das kann man nicht vermeiden, soll man auch nicht. Dann ist es jedoch umso wichtiger, die eigenen Grenzen wahren zu lernen und sich um sich zu kümmern, wenn es zu Streit kommt.

Unbewusstes Denken und Handeln

Oft “rennen” wir durch unseren Alltag, ohne uns auch nur einmal kurz die Zeit dafür zu nehmen, in uns selbst “einzuchecken”, uns zu fragen: Wie geht es mir? Was brauche ich? Habe ich Hunger? Habe ich Durst? Bin ich müde? Wenn wir permanent unsere Grundbedürnisse überrennen, sind auch vollkommen gesunde Menschen am Ende des Tages erschöpft und niedergeschlagen. Umso wichtiger ist es also, uns in der Recovery genau dafür Zeit zu nehmen.

essen / nicht essen

Da es in einer Essstörungs-Genesung natürlich auch ums Essen geht, kann jedes Handeln und Nicht-Handeln rund ums Essen stark triggernd wirken. Leider geht es da oft ums Aushalten, aber auch darum, sich Essenssituationen zu schaffen, in denen es möglichst angenehm ist.

Was passiert bei einem Rückfall?

 

Das Wichtige ist erst einmal nicht, dass du wieder in dein altes Muster gefallen bist. Weißt du was? Scheiß drauf. Das Wichtige ist, dass du verstehst, warum das in diesem Moment notwendig war. Warum war dieses Verhalten in diesem Moment die beste Lösung für dich?

Meistens ist es so, dass wir alle, egal ob mit Essstörung oder nicht, durch unseren Alltag gehen, arbeiten, Kinder versorgen, Freizeit planen, Termine und Verpflichtungen wahrnehmen … Und oft einfach nie anhalten. Wir laufen all unsere Alltagsstationen ab, ohne uns einmal zu fragen, wie es uns eigentlich geht. Ob wir gerade vielleicht noch etwas anderes bräuchten. Eine Pause mehr. Ein gutes Gespräch mehr. Ein bisschen mehr Schlaf. Ein bisschen mehr Essen. Mehr Kontakte. Weniger Kontakte. 10 Minuten für uns. Egal was. Und dann fallen wir abends ins Bett und am nächsten Tag geht das Ganze von vorne los. Wenn wir diesen Kreislauf nicht zu unseren Gunsten unterbrechen und bei den ganzen Tätigkeiten viel dabei ist, was uns eigentlich nicht so recht entsprechen mag, dann baut sich verständlicherweise viel Druck auf. Und dieser Druck muss abgebaut werden. Und wenn wir uns nicht selbst ganz bewusst dafür entscheiden, entscheidet unser Unterbewusstsein für uns. Denn die Alarmsignale für Körper und Geist stehen längst auf Rot. Wir sehen sie nicht oder wollen sie nicht sehen. Und für Menschen mit Essstörungen ist das automatisierte Verhalten dann oftmals die erste Wahl. Denn:

  • wir kennen es und haben es viele Male erprobt
  • es funktioniert – Druck, Überforderung, Gefühlschaos wird abgebaut 
  • es ist zuverlässig – wir wissen, dass es funktioniert
  • das Ergebnis kennen wir – uns erwartet nichts Neues, damit können wir leben

So werden wir eine Menge Ballast auf einmal los. Und dann kann das System wieder neu hochgefahren werden.

Was können wir nach einem Rückfall tun?

 

Die allermeisten Menschen mit Essstörungen reagieren nach einem Rückfall beschämt, mit noch mehr Selbstabwertung, mit Stress. Sie sagen sich: Das passiert mir nie wieder. Ich reiße mich ab jetzt zusammen. Leider führt dieser Mechanismus aus Scham, Strenge und Druck aber genau wieder zurück in den Kreislauf und nicht aus ihm heraus.

Vielleicht sollten wir genau das Gegenteil tun. Würden wir uns nach einem Rückfall mit Wohlwollen und Annahme begegnen, bräuchten wir diese Strenge nicht. Dann würde Platz werden, um zu analysieren, was vor dem Rückfall war. Wem sind wir begegnet? Was ist vorgefallen? Worüber wurde (nicht) gesprochen? Gab es schon weit vor dem Rückfall Anzeichen – physische wie psychische – die den Rückfall angekündigt haben? Kann ich lernen, auf diese Anzeichen zu achten? Kann ich früher intervenieren? Was bräuchte ich, um die Reaktionskette Rückfall schon früher zu unterbrechen? 

Wir können wie eine Detektivin, wie eine Forscherin auf uns und unsere Verhaltensweisen, unseren Alltag schauen. Untersuchen, wer oder was zu welcher Reaktion geführt hat. Überprüfen, welche Anteile in uns getriggert werden. Abgleichen, welche Muster bei uns aktiviert werden.

Wie kann ich Rückfälle nach einer Essstörung verhindern?

 

Und genau dieses Erforschen, was ich eben beschrieben habe, ist dann auch der Anfang vom Ende der Rückfälle. Denn nur, wenn ich mir dieser inneren Abläufe, Muster und Trigger bewusst bin und mich um die dahinterliegenden Bedürfnisse kümmere, sie annehme und befriedige, nur dann kann mein Unterbewusstsein auch lernen, dass es einen neuen Weg gibt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Was also hilfreich ist, ist den Teufelskreis zu stören – damit, dass wir lernen uns anzuschauen, uns ernstzunehmen und uns um uns selbst zu kümmern. Wir stören dieses alte Muster der Essstörung, in dem wir Verantwortung für uns selbst übernehmen. 

Kira Siefert von SoulFood Journey hat dazu vor einigen Jahren eine tolle Podcast-Folge aufgenommen: Wie du einen Rückfall als Fortschritt sehen kannst. Hör dir die Folge doch mal an einem ruhigen Abend an.

Wie lange bekomme ich Rückfälle?

 

Tja, das ist so eine Frage, die sich natürlich nicht einfach pauschal beantworten lässt. Dennoch denke ich, dass man so lange immer mal wieder beim alten Muster vorbeischaut, solange man es irgendwie noch braucht. Solange es noch etwas gibt, was du noch nicht anders regeln kannst, wofür du noch keinen anderen, gesünderen Kanal gefunden hast. Aber: Das ist nicht schlimm. Denn jeder einzelne Rückfall birgt die Chance, dich noch besser kennenzulernen. So kann jeder Rückfall auch ein Schritt nach vorne sein, raus aus der Erkrankung. Und eben kein Rückschritt.

Wann bin ich endlich gesund?

 

Das entschiedest du. Wie fühlst du dich? Weißt du wer du bist? So ganz ohne Essstörung?

Schreib mir bitte, wie es dir mit diesem Text geht. Und was er vielleicht in dir aufwühlt!?

Ich freue mich, wenn du diesen Beitrag mit anderen teilst.