Schwanger mit Essstörung: Durch diese Ängste musst du durch und was dir dabei hilft.​

Den Wunsch schwanger zu werden, erleben viele Frauen, die Essprobleme oder sogar eine Essstörung haben. Verschiedene Studien zeigen, dass fünf bis sieben Prozent der Schwangeren unter einer Essstörung leiden.Eine von ihnen war auch ich. Hier möchte ich dir zeigen, durch welche Ängste du wahrscheinlich durchmusst, wenn du selbst eine Essstörung hast und dir ein Kind wünschst oder vielleicht schon schwanger bist.

Schwanger mit Essstörung

Vorab ein kleiner Hinweis zu diesem Text: Ich behandle hier das Thema Schwangerschaft und Essstörung insoweit, dass ich meine Geschichte im Kopf habe. Ich war zum Zeitpunkt der Schwangerschaft weitestgehend körperlich gesund. Ich beschreibe hier vor allen Dingen die psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen auf Essgestörte, die ein Kind erwarten.

Schwanger und Essstörung: Widerspricht sich das nicht?

Eine Frau, die eine Essstörung hat und gleichzeitig den Wunsch, schwanger zu werden, mag im ersten Moment paradox klingen. Doch hat das eine mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Die Essstörung ist die Essstörung und ist damit ein psychisches Problem, das vor allem den extrem niedrigen Selbstwert der Person betrifft. Der Wunsch Mutter zu werden, den so viele Frauen irgendwann in ihrem Leben entwickeln, ist ein Vorgang der relativ losgelöst von der Essstörung stattfinden kann. 

Diese Reportage beim Deutschlandfunk Kultur kann ich dir zu diesem Thema sehr empfehlen: Wenn magersüchtige Frauen schwanger werden. 

Ich selbst habe mir das Mutter werden lange Zeit verboten. Ich glaubte, dass eine Schwangerschaft bedeuten würde zuzunehmen – völlig ohne Kontrolle. Und Kontrolle über das, was mit meinem Körper passiert, hatte immer wieder in meinem Leben einfach höchste Priorität. Warum das so war, wo die Wurzeln für meine Erkrankung liegen, erfahrt ihr bald in einem anderen Blogpost.

Therapie offenbart Kinderwunsch

Erst nach zwei Jahren ambulanter Therapie und einem psychosomatischen Klinikaufenthalt habe ich den Wunsch nach einer Schwangerschaft, immer mehr zulassen können. Mit meinem heutigen Mann habe ich das Thema Kinder mit der Zeit immer besser besprechen können. Wir konnten Vorstellungen, Ängste und Vorfreude teilen. Und so hat sich der Kinderwunsch immer mehr in unseren Köpfen festgesetzt, bis irgendwann feststand: Jetzt probieren wir es wirklich. 

Angst vor unkontrollierter Gewichtszunahme

Die Angst zuzunehmen ist fast allen Essstörungen intrinsisch. Auch wenn es bei Essstörungen eigentlich nicht wirklich ums Gewicht geht. Keine Frage also, dass das Zunehmen auch in der Schwangerschaft eine große Rolle spielt. 

Ich war überzeugt davon, dass ich in einer Schwangerschaft mindesten 20 Kilogramm zunehmen würde. Und dass, wo ich doch noch überhaupt keine Ahnung hatte, wie sich die Gewichtszunahme in einer Schwangerschaft vor allem zusammensetzt. Ich sah vor meinem inneren Auge eine maßlos fette Frau, die dazu auch noch schwanger war. Und natürlich würde diese Frau nach der Schwangerschaft auch genauso fett bleiben. Dass ich mit meinem Ausgangsgewicht auch mit 20 Kilo mehr nicht maßlos fett gewesen wäre, war mir zwar rational klar, emotional war die Angst aber einfach viel größer und hat alles andere überschrien.

10 Kilogramm Zunahme ohne dass du etwas dafürkannst

Alleine die körperlichen Veränderungen, die in der Schwangerschaft einfach passieren, verursachen rund 10 Kilogramm Gewichtszunahme in der Schwangerschaft. Ohne, dass du auch nur ein Stück Kuchen mehr gegessen hast.

  • die Plazenta wiegt ca. 500 g
  • in der Gebärmutter fasst rund 1 kg Fruchtwasser
  • Wassereinlagerungen, die in der Schwangerschaft oft vorkommen können bis zu 3 kg ausmachen
  • die Gebärmutter wächst mit deinem Kind und erreicht ein Eigengewicht von fast einem Kilogramm
  • deine Brüste können bis zu 500 g schwerer werden
  • deine Blutmenge steigt um 1 bis 2 kg
  • während der Schwangerschaft werden durchschnittlich 2 kg Fettreserven angelegt
  • und dein Kind wiegt am Schluss irgendwas zwischen 2,5 und 4 Kilogramm

Was du gegen diese Gewichtsangst tun kannst

  • Waage weg: Es ist schwer, aber wenn man dir deine Essstörung nicht von vornherein ansieht – egal ob du an Binge Eating, Bulimie, Magersucht oder Orthorexie leidest – dann erzähle deinem Arzt und deiner Hebamme davon. Sie können medizinisch aber auch fürsorglich darauf eingehen. Meine Hebamme zum Beispiel hat mit mir bei jedem Termin erst einmal abgeklopft wie es mir wirklich geht und dann beispielsweise das Wiegen ausgesetzt. Ganz wichtig: Wiege dich auch zuhause nicht. Falls du noch eine Waage hast, dann schaff sie zumindest für die nächsten zwei Jahre weg. Denn du wirst zunehmen. Das steht außer Frage. Aber nicht, weil du zu viel isst und fett wirst, sondern weil dein Kind wächst und lebenstüchtig werden soll.
  • Kleidung: Super ist auch, dir direkt weite und bequeme Kleidung und Schwangerschaftshosen anzuschaffen. So merkst du nicht, wie deine Lieblingsjeans auf einmal nicht mehr passt.
  • Ernährung: Taste dich langsam heran und erwarte nicht zu viel von dir. Natürlich wäre es toll, du würdest dich total gesund, ausgewogen und regelmäßig ernähren. Es wird aber nicht von heute auf morgen klappen, deine Routine zu durchbrechen. Frust wäre vorprogrammiert. Wenn du nicht ohnehin schon recht gesund lebst, dann mach einen Schritt nach dem anderen und bezieh deinen Partner ein. 
 

Angst durch die Essstörung meinen Körper ruiniert zu haben

Natürlich kam mit dem Kinderwunsch auch die große Reflektion. Meine Essstörung hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut bearbeitet und führte schon ein recht freies Leben. Ihr kennt das, mal hast du eine gute Phase, mal eine schlechtere. Ich war körperlich gesund, ich arbeitete, ich fühlte mich oft wirklich gut. Als ich dann lange Zeit nicht schwanger wurde, setzte eine neue depressive Phase ein, denn ich hatte große Angst, meinem Körper durch die Essstörung doch mehr geschadet zu haben, als ich es annahm, als ärztliche Untersuchungen während der Therapie es feststellten. Nach rund einem halben Jahr, war ich überzeugt davon, keine Kinder bekommen zu können, weil ich dachte, meinen Körper mit meinem restriktiven Essverhalten kaputt gemacht zu haben. Mit schien das wie eine gerechte Strafe . Und schon war die Spirale der Essstörungssymptomatik wieder in Gang gekommen. Gott sei Dank war ich mittlerweile psychisch so gut aufgestellt, dass ich sehr schnell einen guten Umgang mit diesen negativen Gefühlen finden konnte. In Gesprächen mit meinem Mann und mit Freundinnen habe ich eine Akzeptanz dafür entwickelt, ein Leben auch ohne Kinder glücklich führen zu können. Und dann wurde ich schwanger.

Was du gegen diese Angst tun kannst

  • Wenn du dir sehr unsicher über deinen körperlichen Zustand bist, dann geh bitte zum Arzt und lass dich durchchecken. Mach einen Bluttest, einen Knochendichte-Test. Wenn du kannst, erzähl deinem Arzt von deiner Krankheit und deinem Kinderwunsch. Er wird dich beraten und dir deine Sorgen nehmen können.
  • Schon bevor du schwanger wirst, kannst du nochmal hinschauen, was du für deine körperliche und seelische Gesundheit tun kannst: Vielleicht ein Yoga-Kurs, vielleicht kannst du komplett auf Alkohol verzichten, regelmäßige Mahlzeiten einnehmen, viel Obst und Gemüse essen. Dich oft an der frischen Luft aufhalten ohne exzessiv Sport zu machen.
  • Solltest du Untergewichtig sein, kannst du versuchen noch ein bisschen zuzunehmen. Bei leichtem Übergewicht brauchst du sicher nichts daran ändern. Nur im Fall von starkem Übergewicht, solltest du auch nochmal mit deiner Ärztin sprechen.

Angst vor dem regelmäßigen Wiegen

Ich war euphorisch und konnte mich kaum zurückhalten, meinen engsten Freundinnen von meinem Schwangerschaftsglück zu erzählen. Denn natürlich war die Angst da, das Kind auch wieder zu verlieren. Ich fragte mich: Kann mein Körper das doch? Kann er wirklich schwanger sein und ein Kind reifen lassen? Mit dem ersten Besuch beim Gynäkologen bekam ich auch meine Hebamme vorgestellt, bei der ich die regelmäßigen Untersuchungen haben würde. Auch das Wiegen. Und sofort wusste ich, wovor ich Angst hatte. Unkontrolliertes Zunehmen, fett zu werden, ein riesiger Mensch zu werden, der für immer fett blieben würde. Das mag absurd klingen. Aber die Frauen, für die ich hier schreibe, die wissen genau, was ich meine.

Und tatsächlich hat sich diese Angst auch dramatisch zugespitzt, sodass ich auch einige Male den Vorschlag meiner Hebamme, das Wiegen auszulassen, dankend angenommen habe. Vor allem gegen Ende der Schwangerschaft, war dieses Thema sehr vordergründig und ich wollte ein bestimmtes Gewicht partout nicht überschreiten. Und tat es auch nicht. Gleichzeitig wuchs dann die Angst meinem Kind zu schaden. Zwar beruhigte mich meine Hebamme, in dem sie meinte, das Kind nehme sich, was es braucht, jedoch ist diese Erkenntnis heute umstritten.

Dazu könnt ihr in diesem Beitrag Schlankheitswahn in der Schwangerschaft mehr lesen 

Nur allzu klar war mir, welche körperlichen Folgen, ein restriktives Essverhalten in der Schwangerschaft haben kann. So dass ich mich bemühte, gesund und ausreichend zu essen. Auch wenn ich mir in einigen Phasen der Schwangerschaft wieder eine Schwarze Liste mit Lebensmitteln zulegte. Welche Folgen eine Mangelernährung in der Schwangerschaft haben kann, ist in diesem Artikel des Therapie Centrum Essstörungen kurz zusammengefasst. 

Was du gegen die Angst vorm Wiegen tun kannst

  • Wie oben schon geschrieben: Bitte deine Ärztin oder deine Hebamme um Unterstützung und auch das Wiegen immer mal auszusetzen oder dir das Gewicht einfach nicht zu sagen.
  • Dein Gewicht wird in deinen Mutterpass eingetragen: Schau nicht rein, wenn dir das Zunehmen große Sorgen bereitet. Das ist super schwer, ich weiß. Steck den Mutterpass direkt nach der Untersuchung ein und räume ihn bis zum nächsten Arztbesuch außer Sichtweite.
  • Solltest du deine Gewichtszunahme verfolgen und dich schlecht fühlen, denke immer an die Gewichtsliste von oben. Was wiegt die Plazenta? Was wiegt das größere Blutvolumen, usw.
  • Bei Untergewichtigen Schwangeren ist es außerdem von Vorteil etwas mehr zuzunehmen, denn die Stillzeit ist enorm anstrengend und das Gewicht wieder sehr schnell unten. Also denk auch an die Zeit danach und wie viel Kraft du brauchen wirst. 

Angst davor, was die anderen denken

Nicht zuletzt spielt, so glaube ich, für sehr viele Frauen in der Schwangerschaft, eine riesige Rolle, wie andere auf sie reagieren. Nicht nur für Frauen mit Essstörungen oder Essproblemen. Sprüche wie: „Na, bist du schon fett geworden?“ oder „Du hast ja ganz schön zugelegt“ kommen bei den wenigsten Schwangeren gut an. Schwangere mit Essstörung können solche blöden Sprüche sogar in eine handfeste Krise stürzen. Das Wichtige für Betroffene ist hier: Just don’t care. Das klingt einfach und ist es überhaupt nicht, ich weiß. Doch, überlege einmal: Derjenige, der so etwas sagt, der sagt einfach immer irgendwas. Immer ein Spruch auf den Lippen. Ganz egal, um was es geht. Er reagiert damit einfach nur sehr unsensibel auf deine Schwangerschaft. 

Was du gegen die Angst vor anderen tun kannst

  • Schirme dich von solchen Treffen und Personen etwas ab. Halte dich auch gerne fern vor Veranstaltungen, auf denen so etwas andauernd passiert. Wenn du vorher schon weißt, dass es dir nicht guttut, geh nicht hin. Nur, wenn du das Gefühl hast, solche Bemerkungen gut wegstecken zu können, solltest du dich solchen Situationen aussetzen.
  • Ich weiß, oft bekommt man den Rat, sich kritischen Situationen zu stellen, daran wächst man ja auch. Aber ehrlich: Als Frau mit Essstörung in er Schwangerschaft solltest du primär für dich Sorgen. Mentales Wachstum kommt dann schon ganz alleine, wenn dein Kind da ist. Versprochen!

Teile diesen Artikel bitte mit Menschen aus deinem Umfeld, die diese Unterstützung jetzt gebrauchen können 

Kritik an medialer Sicht auf das Thema Schwangerschaft und Essstörung

Zum Schluss möchte ich hier nur kurz darauf eingehen, was mich an der medialen Aufbereitung des Themas Schwangerschaft und Essstörung stört. Der Fokus liegt bei diesem Thema hauptsächlich darauf, akut magersüchtige Frauen zu zeigen, sie zu porträtieren. Ich bin jedoch überzeugt, dass es etliche Frauen wie mich gibt, die nicht mit einem chronischen Untergewicht in der Schwangerschaft leben, sondern die mit den psychischen Auswirkungen der Schwangerschaft kämpfen. Es gibt so viele Frauen, die unterschiedlichste Essstörungen in ganz unterschiedlichen Stadien haben. 

Natürlich ist der Blick auf die Magersucht bei diesem Thema besonders dringend, weil hier auch ein immenses körperliches Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind liegt. Das Wort Pregorexie beschreibt erst seit wenigen Jahren die Krankheit Magersucht mit Schwangerschaft. Dennoch auch hier die Kritik, dass reißerische Titel wie „Schlankheitswahn und Schwangerschaft“ das Thema nicht im Ansatz treffen. Denn Magersucht ist mit Nichten eine Krankheit, die einfach irgendeinem Schönhitsideal nacheifert und die Betroffenen dabei lebensbedrohlich dünn werden. Die Journalisten Nora Burghard-Arp hat dazu ein tolles Projekt entwickelt: Heute sind doch alle magersüchtig. Unbedingte Empfehlung.

Wenn das hier also ein*e Journalist*in liest, melde dich gerne bei mir. Vielleicht schaffen wir ja einen weiteren Blick auf das Thema.